Ein komplexes Tal

Die Kultur der Täler ist von ihrer Geschichte beeinflusst.

Als eine kleine protestantische Insel in den okzitanischen Alpen haben die Täler sämtliche Erfahrungen der europäischen Kultur in der frühen Neuzeit mitgemacht. Sprachlich gehören sie zu Okzitanien, das – in seinem italienischen Gebietsteil – vom hohen Susatal bis zu den Seealpen reicht. Sie sind vor allem vom Gebrauch der französischen Sprache geprägt worden.

Aus politischen Gründen: das Piemont stand jahrhundertelang unter dem Einfluss der französischen Kultur und das Chisonetal ist Teil des Königreichs Frankreich gewesen; und aus religiösen Gründen: um zu überleben, mussten die Protestanten mit Genf und den Hugenottenkirchen in Frankreich Kontakt aufnehmen.

Ein zweites Kennzeichen des waldensischen Territoriums war die Schulpflicht.

Die Schule hat stets ein wesentliches Element im Leben der protestantischen Gemeinden dargestellt; die Tatsache, dass die persönliche Verantwortung für die Lektüre der Bibeltexte nicht zuletzt bei den Gläubigen lag, hat die protestantischen Gemeinden dazu veranlasst, das Bildungswesen zu fördern.

Das von der Waldenserkirche ausgearbeitete und betriebene Schulsystem war hochentwickelt: von der „scuoletta“ (kleinen Schule) in jeder „borgata“ (Ortsteil) über die Schule im Gemeindehauptort und die „scuole latine“ (die den aktuellen italienischen „scuole medie“ entsprechen) bis hin zum Collegio (dem Gymnasium).

Dieses Schulsystem führte dazu, dass die Waldensertäler Ende des 19. Jahrhunderts einen der höchsten Alphabetisierungsgrade in ganz Europa erreichten.

Die Verwirklichung eines so gegliederten Schulsystems wurde durch ausländische Freunde und Wohltäter ermöglicht (hier sei insbesondere an zwei Engländer erinnert: Charles Beckwith und William Stephen Gilly).

Zum Erreichen dieser Ziele trugen auch Umweltfaktoren bei; die Bevölkerung der Alpen zeichnete sich bekanntlich stets durch ein ausgeprägtes Interesse für kulturelle Probleme aus und erreichte hohe Alphabetisierungsgrade.

Der Gebrauch der französischen Sprache und die Verbindungen mit den anderen Ländern Europas hatten zur Folge, dass zahlreiche Touristen und Reisende sich von der religiösen Minderheit angezogen fühlten und die Täler besuchten. Sie haben interessante Reiseerzählungen hinterlassen und auf diese Weise zu jenem besonderen internationalen Charakter der Waldensertäler beigetragen, den sie bis heute bewahrt haben.

Nachdem sich die europäischen Kontakte aufgrund der faschistischen Politik zwischen 1920 und 1943/45 vermindert hatten, wurden sie in der Nachkriegszeit wieder aufgenommen. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit von Agape im benachbarten Germanascatal: das ökumenische Jugendzentrum ist durch Freiwilligenarbeit in Prali entstanden und stellt bis heute einen Ort von Treffen und Seminaren europäischer Dimension dar.

Dieser Zustrom von Personen aus unterschiedlichen Ländern hat die Waldensertäler, und somit das Pellicetal, zu einem Ort des Sommerurlaubs werden lassen. Der Tourismus im Pellicetal wird begünstigt durch seine leichte Zugänglichkeit und seine Nähe zu Turin.

Dieser Tourismus sah seit den 1950er-Jahren im Wesentlichen längere Aufenthalte während der Sommerzeit in Pensionen oder Miethäusern vor; in einer zweiten Phase wurden weitere Häuser gebaut, und heutzutage folgt der Tourismus im Tal modernen Vorstellungen mit einem Bewusstsein für Natur und Umwelt.

Das Pellicetal sprüht vor Aktivität im kulturellen Bereich, vom Theater zur Musik, von der bildenden Kunst bis zur Geschichtswissenschaft – eine Tradition, die im Vereinswesen des 19. Jahrhunderts wurzelt.